Wednesday, March 26, 2008

Dialogische Kontingenzerfahrung


Die Kontingenz bzw. kontingent (griech. τὰ ἐνδεχόμενα (endechómena), etwas, was möglich ist; mlat. contingentia, Möglichkeit, Zufall) ist ein Terminus der Philosophie und der Modallogik für die zweiseitige Möglichkeit. Es bezeichnet den Status von Tatsachen, die logisch nicht notwendigerweise wahr oder falsch sein müssen; also etwas, das nicht notwendig aber auch nicht unmöglich ist. Anders ausgedrückt bezeichnet Kontingenz die innere Endlichkeit einer Existenz, die sich darin äußert, dass eben diese Existenz auch anders oder überhaupt nicht sein könnte. (Quelle: Wikipedia)


Innere Stimme:

"Die Liebe konserviert einen einzigen Augenblick, den Augenblick ihres Entstehens."
"Und noch immer hat man die Wahrheit nicht gefunden!" Dieser knappe Satz des Dichters Chiaro Davanzati über die Liebe scheint immer noch gegenwärtig dieselbe Gültigkeit zu besitzen. Die Liebe bleibt ein Rätsel, auch im Zeitalter der Neurobiologie und der Infragestellung der menschlichen Willensfreiheit durch die Hirnforschung. Zwar hat man in der wissenschaftlichen Beschreibung der neurochemischen Vorgänge gewisse Fortschritte erzielt. Doch sind wir weit davon entfernt, das Geheimnis der Liebe zu entschlüsseln. Nicht zuletzt deshalb blieb in der Neuzeit die Auslotung der Liebe und all ihrer Facetten bevorzugt der Literatur überlassen, die in ihrer metaphorischen Rede dem Schwankenden, Rätselhaften eher zu entsprechen scheint. Nicht so in Antike und Mittelalter. Dort betrachtete man sie als Gegenstand der Naturwissenschaft, ja sie war seit der Spätantike bis ins 17. Jahrhundert – recht prosaisch – gar als Krankheit in jedem medizinischen Kompendium vermerkt. Aus naturphilosophischer Sicht wurde die Liebeskrankheit oder "amor hereos" einhellig als eine der Melancholie verwandte psychosomatische Störung qualifiziert, die durch eine Reihe von Gegenmaßnahmen gemildert werden konnte: Spaziergänge, heiße Bäder, Aderlass, der mäßige Genuss von Wein, liebliche Musik und nicht zuletzt der Beischlaf mit wechselnden Partnern wurden als Therapien angeraten, um Schlimmeres zu verhindern, in schwerwiegenden Fällen gar das Ableben des Leidenden. Die Liebe nämlich war meist ein unerwidertes Verlangen und wenn nicht unerwidert, so doch zumindest unmöglich, was im Organismus des Patienten eine folgenschwere Kette psychosomatischer Reaktionen auslöste. In der Antike stand am Anfang das Sehen. Nach aristotelisch-galenischer Auffassung nimmt der Liebende die äußere Form des Objekts mithilfe des Sehsinns auf und übermittelt das Bild, das sogenannte "phantasma" an den Wirkungskreis der inneren Sinne. Dort vollzieht sich gemäß der aristotelischen Erkenntnistheorie ein aufsteigender Abstraktionsprozess, der bestenfalls in der intellektuellen Durchdringung und der reinen Anschauung der "forma" der Geliebten gipfelt. Durch die übermäßige Tätigkeit der Fantasie aber, die um das innere Bild der Geliebten unaufhörlich kreist wie um eine fixe Idee, erhitzt sich der Organismus des Betroffenen, was die Ausdehnung des schwarzen Gallensaftes, ebenjener "melancholia" zur Folge haben kann. Die Liebesreflexion wird dann in melancholischer Manier zum Selbstläufer und koppelt sich zunehmend von der Außenwelt, ja paradoxerweise vom geliebten Gegenstand selbst ab. Die Liebe, in ihrer Entstehung auf den visuellen Eindruck verwiesen, löst sich von diesem und wird sprichwörtlich blind. Giacomo da Lentini, der Mitbegründer der sizilianischen Dichterschule am Hof des Staufferkönigs Friedrichs II., ist Mitte des 13. Jahrhunderts der Erste, der diesen Mechanismus in einem seiner Gedichte ausdrücklich darstellt. Als endlich der ersehnte Moment gekommen ist, da das schwerverliebte lyrische Ich der Dame seiner Wahl gegenübersteht, wendet es bewusst die Augen ab, um sie nicht sehen zu müssen. Aus der Verzweiflung über die Unerreichbarkeit der Liebe – oder aber über die Unzulänglichkeit der Realität – zieht es das schöpferische Individuum vor, sich im Innenraum melancholischer Reflexion eine Parallelwelt des Geistes zu erschaffen, aus deren prekärem Urgrund wiederum, laut der neu entdeckten aristotelischen Seelenlehre, die höchste Erkenntnisleistung hervorgehen kann. Lange Zeit vor der Renaissance erleben wir in der mittelalterlichen Liebeslyrik also die (Wieder-)Geburt der Fantasie aus dem Geiste der Melancholie. Die Liste der in dieser Tradition stehenden neuzeitlichen Liebesmelancholiker indes ist lang. Zu nennen wären unter anderem so unterschiedliche Figuren wie Hamlet, Werther, Scarlett O'Hara, Swann und Hans Castorp. Vielleicht sollten auch wir heute öfter an die mittelalterliche Tradition anknüpfen? Schließen wir die Augen: Vergegenwärtigen wir uns, was wir in unserem Partner sehen wollen, oder was wir in ihm sahen, als wir uns in ihn verliebten. Denn, so der ungarische Schriftsteller Antal Szerb: "Die Liebe konserviert einen einzigen Augenblick, den Augenblick ihres Entstehens." Von Monika Zeiner
(Quelle: "Der Blick der Liebenden und das Auge des Geistes", Universitätsverlag Winter GmbH Heidelberg)



Äußere Stimme:

Beim sogenannten 'Verliebtsein' wird ein Hormon namens Phenylethylamin ausgeschüttet, das einerseits rauschähnliche (Glücks-) Gefühle auslöst, und andererseits Bereiche im Gehirn hemmt, die für das rationale Denken verantwortlich sind. Das heißt, der oder die Betroffene wird tatsächlich 'blind' auf dem Vernunftsauge. Dieser Zustand kann bis zu vier Jahre anhalten; da ähnlich wie beim Koffein aber eine immer höhere Dosis benötigt wird, um überhaupt eine Wirkung zu erzielen, wird die Phenylethylamin Produktion ab einem bestimmten Schwellenwert schließlich komplett eingestellt. Dann ist der Zauber sprichwörtlich vorbei.
Die hervorgerufene Blindheit hat jedenfalls zur Folge, daß eine zwischengeschlechtliche Bindung lange genug hält, um etwa ein Kind zu zeugen und es gemeinsam aus dem Gröbsten herauszubringen. Damit hat sie evolutionstechnisch gesehen warhscheinlich durchaus ihren Nutzen.
Des weiteren wird das verhalten während des 'Verliebtseins' durch Oxytozin gesteuert, welches im Gehirn bei Zärtlichkeiten und dem Geschlechtsverkehr freigesetzt wird. Selbiges hat opiumartige (!), euphorisierende und beruhigende Wirkung, und wirkt sich so vermutlich stabilisierend auf eine Beziehung aus.
Nebenbei erwähnt ist Phenylethylamin auch die Grundstruktur für pflanzliche Drogen wie beispielsweise Meskalin.

Wenn man Depression also als Krankheit (als Folge einer Störung des Hormonhaushalts, etwa Melatoninüberschuß) bezeichnet, sollte man die 'Liebe' mindestens auch als solche beschreiben. Insofern gefällt mir die mittelalterliche Sicht auch besser - auch wenn die damals nicht wußten, daß das 'Geheimnis der Liebe' der evolutionäre Vorteil ist, den sie scheinbar bietet.

N.B.: Der evolutionäre Vorteil ist für die Population (i.e. die Gesellschaft) sicher überlebenswichtig, für das Individuum aber nicht von Bedeutung. Willkommen in der Matrix.



Innere Stimme:

Das erklärt so einiges... Die Problematik bei all dieser Wissenschaft ist natürlich, daß es noch kein Medikament gibt. Zum Beispiel, um den Schmerz einer unerwiderten Liebe auszuschalten. Da solch ein Medikament sicherlich nur in Langzeittherapie erfolgreich wirken würde, hätte es aber wahrscheinlich den unerwünschten Nebeneffekt, daß man sich in dieser Zeit auch nicht neu verlieben kann... Der beschriebene Zeitraum von vier Jahren erscheint logisch in Bezug auf die Fortplanzung, ich kenne aber Paare, die durchaus länger zusammen sind, und behaupten, ihre Liebe sei seit den Jahren nur um so mehr gewachsen. Da stellt sich die Frage, ob die Liebe dann auf gewollte Abhängigkeiten gebaut ist, oder in welch anderer Definition sich die Liebe da manifestieren mag... Bei diesem genannten Vierjahreszyklus der Liebe, geht es wahrscheinlich eher um die sexuelle Begierde oder Anziehungskraft... Denn da ist der Verstand ja meist eher ausgeschaltet und die Biologie gefragt...



Äußere Stimme:

Ja, die 'gewachsene Liebe' hat wahrscheinlich neben dem neurochemischen Vorgang (Oxytozin-Ausschüttung mit opiumähnlicher Wirkung; passiert bei Babys übrigens auch nach dem Nuckeln) außerdem eine soziale und letztlich kulturelle Komponente. Da kulturelle Werte bei uns dank der 68er keinen so großen Stellenwert mehr haben, sind die vielen Scheidungen heutzutage vielleicht ein natürlicheres und ursprünglicheres, oder zumindest nachvollziehbareres Verhalten, als die eher altmodische lebenslange Bindung, auch wenn's unromantisch klingt. Die frage ist doch, ob man diese Bindung mit Liebe oder eher mit Freundschaft definiert, abhängigkeits-Beziehungen mal außen vor gelassen. Freundschaft kann sicher länger dauern als vier Jahre, und sie unterliegt auch eher rationalen als affektiven Aspekten. Hmm. Vielleicht führt der einzig wahre Weg zu einer echten, a-sexuellen (oder wenigstens nicht ausschließlich vom Geschlechtstrieb bestimmten) Freundschaft zwischen Mann und Frau über das durchbrechen der Vier-Jahres-Phenylethylamin-Barriere? Den Selbstversuch wag ich lieber nicht.

Eine sinnvolle Möglichkeit dem Entzugssyndrom 'Liebeskummer' zu begegnen ist wahrscheinlich Joggen zu gehen. Da beim Liebeskummer die Konzentration an Glückshormonen wie Dopamin und Phenylethylamin im Körper in den Keller gehen, sollte man wohl versuchen diese wieder zu stabilisieren. Beim Joggen, bzw. beim Ausdauertraining kann die Phenylethylamin Ausschüttung auf physischem Wege herbeigeführt werden, was auch zum sogenannten 'Jogger-High' führen kann.
Schokolade essen könnte auch funktionieren, da sie einen gewissen gehalt Phenylethylamin enthält. Dieses wird zwar angeblich vollständig metabolisiert, bevor es im Gehirn ankommt, aber wer weiß...
Oder man holt sich seine Dopamin Dosis irgendwo anders, durch Erlebnisse, und Dinge, die man sonst auch gerne tut.
Auch wirksam aber kontraproduktiv auf längere Sicht sind wahrscheinlich: sich besaufen, koksen, Opiate konsumieren, usw.



Innere Stimme:

Also ich geh ziemlich viel Joggen... Neuerdings wieder jeden Morgen, aber so richtig high bin ich immer erst wenn ich danach meine erste Zigarette rauche. Leider sorgt die Zigarette bei mir für Glückshormone, sonst hätte ich mich schon längst vom Nikotin getrennt.
Betrinken hilft bei mir nicht gegen Liebeskummer, ich trinke immer nur wenn ich glücklich bin. Das beste Rezept gegen Liebeskummer ist, sich vorzustellen, daß da draußen irgendjemand rumläuft, der nur auf einen wartet... Und der dann der absolute Superman oder die absolute Superwoman ist, und alles, was davor war in den Schatten stellt... Aber von vornherein zu wissen, daß die Phenylethylamin-Barriere in vier Jahren wohl erreicht sein wird, macht nicht unbedingt Spaß, wenn man dann gerade frisch verliebt ist...



Äußere Stimme:

Hehe.. das mit dem Superman/-woman find ich ziemlich unvernünftig, und für alles andere bin ich eh schon zu desozialisiert.
Am besten man befreit sich von dem ganzen Quatsch.



Innere Stimme:

Das Leben wird von Hoffnungen genährt. Wenn man nicht daran glaubt daß einem das Novum begegnen wird, wird man immer nur den alten Geschichten nachweinen, auch wenn die gut und wichtig waren. Denn das, was man denkt, lenkt. Sich von dem Quatsch zu befreien kommt einem emotionalen Suizid gleich. Zum Glück ist es mit der Liebe so, daß sie einen einfach findet, und man eigentlich nicht wirklich nach ihr suchen muß. Es braucht kein Casting, sie kommt einfach unverhofft um die Ecke, weil alle großen aufregenden Dinge sich meistens ohne Ankündigung offenbaren... So wie manche Dinge eben zu geschehen pflegen. Und dann, wenn die Liebe plötzlich da ist, begreift man das gar nicht mit dem Verstand, sondern mit seinem ganzen Schicksal. Was der Verstand kann, ist vielleicht die Gefühle bis zu einem gewissen Grad zu regulieren. Aber der Verstand nützt einem ziemlich wenig, wenn das Herz dann laut spricht... Und ich denke, das das Einzige wofür wir Menschen wirklich echte Geduld aufbringen, ist auf die Erfüllung der Liebe zu warten, so geduldig gehen wir meistens mit nichts um.

And in the end, the love you take is equal to the love - you make. (John Lennon/Paul Mc Cartney)



Äußere Stimme:

Klar, solang man ein gesunder Mensch ist, bleibt man ein emotionales Wesen. Im freudschen Sinne kann man sich aber wörtlich von dem Quatsch befreien, indem man ihn sublimiert, also das vorhandene (Trieb-) Potential auf ein anderes, nicht-sexuelles Ziel ausrichtet. Zwar ist das ein psychischer Abwehrmechanismus, der aber nicht als pathologisch gilt, da einerseits was 'Sinnvolles' dabei rauskommen kann, und andererseits der Trieb befriedigt wird. Ein Beispiel dafür ist etwa die Hingabe einer Krankenschwester, die ihre Sexualität durch die Pflege kranker Menschen sublimiert. Laut Freud ist sogar unsere gesamte menschliche Kultur eine Folge der Fähigkeit zur Sublimierung.

Daß die 'große Liebe' existiert, ist über die Jahrhunderte kolportierter und kultivierter Humbug, in einer Reihe mit dem Stein der Weisen, Dingen wie Horoskopen, Lotto, Alienentführungen und dem Weihnachtsmann. Bestimmt trifft die 'große Liebe' für manche Einzelfälle zu, ist aber mit Sicherheit die seltene, zufällige Abweichung vom Normalfall. Das will verständlicherweise niemand hören, und der Sachverhalt ist dabei wohl ähnlich gelagert wie bei Religionen, wo rationale Argumente auch eher Negatives bewirken oder bisweilen ins Gegenteil verkehrt werden.
Der Menschheit und dem Einzelnen wäre jedenfalls mit einer Umleitung dieses brachliegenden Potentials besser gedient. Vielleicht ist das eine der großen Aufgaben unserer Wohlstands- und Spaßgesellschaft, wenn die Nachwehen der sexuellen Revolution endlich mal abgeklungen sind. Das klingt vielleicht kalt und erinnert im ersten Moment an Dystopien à la Equilibrium, erscheint mir in kultureller Hinsicht aber erstrebenswerter als eine durch und durch auf Sexualität ausgerichtete Gesellschaft.
Man kann diese Auffassung als sehr unromantisch bezeichnen, sei aber darauf hingewiesen, daß der Begriff 'Romantik' ein bedauernswertes, wenn nicht das bedauernswerteste Opfer ebendieser sexualisierten Gesellschaft ist. Lennon und McCartney haben sicherlich das Fundament dafür mit ausgegraben.



Innere Stimme:

Romantik ist mir auch zu naiv... Aber da ich weiß, wie sich Verliebtsein anfühlt und auch wie sich eine große Liebe anfühlt, glaube ich nicht das sie Humbug ist. Wenn man wirklich liebt kann man den Partner sogar aus Liebe gehen lassen, denn Besitzdenken oder gar Eifersucht in einer Partnerschaft ist nichts mehr als die erbarmungsunwürdigste Eitelkeit. Leider haben die Menschen meistens so ein riesen Schiss davor, sich zu verlieben, daß sie es lieber gleich sein lassen. Sie haben Angst vor emotionaler Abhängigkeit, Verantwortungen oder sind zu feige. Sie denken gar, sie verkaufen ihre Seele. Vielleicht schämen sie sich zu lieben, weil sie Furcht davor haben, etwas von sich preiszugeben zu müssen... Auch wenn es sich dabei vielleicht nur um dieses dumme Geheimnis handelt, daß sie Zärtlichkeit brauchen, weil man ohne diese nicht wirklich leben kann. Aber den meisten fehlt einfach nur der Mut... Oder sie leben im völligen Egozentrismus, und lieben sich so sehr, daß sie dem anderen nichts geben können, und deswegen nicht in der Schuld stehen wollen, etwas angenommen zu haben, was sie nicht zurückgeben können... Und dabei geht es doch eigentlich nur darum, etwas miteinander zu teilen..: Die Liebe, und grundsätzlich doch eigentlich nicht mehr als das. Aber wir denken da sicherlich auch anders drüber, und das hat dann wieder etwas mit Biologie zu tun. Da unsere Gehirne über einen größeren emotionalen Intellekt verfügen als eure, was wissenschaftlich belegt ist, lieben sie auch völlig anders, selbstloser als die meisten von euch glauben. Ich denke häufig, das ihr, wenn ihr liebt, die Liebe auch gleichzeitig ein wenig verachtet. Wenn ihr liebt, ist da immer so eine Zurückhaltung, so als gebe es da eine Grenzlinie, die besagt, bis hierhin und nicht weiter, ab hier gehöre ich mir selbst. Im Prinzip ist das völlig ok, denn wenn man zuviel von der Liebe verlangt, dann ist es wohl wirklich nur wild gewordener Egoismus.



Äußere Stimme:

Es läuft doch darauf hinaus, ob man will, was man tut, oder tut, was man will. Letzteres wäre dann der 'freie' Wille, der allem Anschein nach für die meisten (oder alle?) Menschen nicht existiert.
Ein Emotionskomplex bringt uns also dazu, unbewußt Dinge zu tun, die wir dann, nachdem wir sie getan haben, auch bewußt gewollt haben wollen. Das ist Gegenstand aktueller Forschung, aber alles deutet darauf hin, daß das Bewußtsein in der Entscheidung, ob wir etwas tun, tatsächlich nicht viel mitzureden hat. Das klingt bescheuert, erklärt aber, warum viele Menschen Dinge tun, die sie hinterher sofort bereuen. Klar kann man dann immer behaupten, das wär eben der 'menschliche Faktor', wir seien ja keine Roboter und so weiter. Aber Fakt ist doch, daß sich die meisten in affektive Handlungen stürzen, und hinterher fragen, warum und wieso sie denn dies und das getan haben. Das wird dann geflissentlich auf das 'Geheimnis der Liebe' abgewälzt, es sei halt das Fatum des/der Betroffenen, etwas Wunderbares, und niemand könne das eben rational erfassen. Und in der Tat: niemand KANN das rational erfassen weil es wörtlich bar jeglicher Vernunft und bewußten Handlung ist. So gesehen würde ich die Zurückhaltung, von der du erzählst, als letztes Quant rationalen Denkens umschreiben.
Sich dem emotionalen Druck ergeben mag schön sein, macht uns aber mehr zu Robotern (i.e. programmierten Wesen), als alles andere. Darwin läßt grüßen.



Innere Stimme:

Man kann die Dinge tatsächlich so betrachten wie du. Das setzt aber auch ein immenses Kontrollvermögen voraus, wenn man sich so komplett von seiner Emotionalität abkapseln kann, daß nur noch das Rationale im Vordergrund steht.
Bei mir ist es eher so, daß ich alles Emotionale liebe... Ich würde sogar sagen, zu lieben ist das größte Geschenk was es gibt. Selbst wenn Liebe unvernünftig ist oder Emotion nur ein biochemischer Prozess; mir alles egal... Ich steh drauf, und fänd es ohne ziemlich langweilig. Ich will gar nicht, daß die Vernunft immer siegt, sonst hätte ich ja schon längst mit viel ungesünderen Dingen aufgehört... Außerdem wäre dann alles Spannende weg. Ich bin wirklich der Meinung, daß Liebe das Großartigste ist, was es gibt, auch wenn sie manchmal weh tut oder unerfüllt sein kann. Es gab mal jemanden, der sagte zu mir, das einzige was man umsonst bekommt ist Liebe. Ich denke aber, für Liebe zahlt man häufig den größten Preis... Aber sie ist es mir wert.


--

Weder der Narzissmus einer Wissenschaftlichkeit noch der Irrationalismus der Emotionalität ergeben irgendwie eine schlüssige Antwort. Trotzdem hat scheinbar beides seine Gültigkeit, in der Erkenntnis einer kontingenten Möglichkeit. Ziemlich unbefriedigend; noch nicht zu den Akten.

6 comments:

  1. Netter phil. Ansatz. Es wird aber ein Fakt etwas unter den Teppich gekehrt: Man lebt nur einmal!!!

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  2. Eben deswegen sollte man wohl seine lebenszeit nicht nur auf vordergründigkeit und triebbefriedigung verschwenden, Meister Eder.

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  3. ... oder mit Philosophischem...

    Ich klammere mal die (für mich absolut langweilige) biologische Sichtweise der Liebe aus und betrachte es aus religiöser Sicht (ebenfalls völlig vernachlässigt in deinem Beitrag!!!):

    Im christlichen Sinne hängt Liebe eng mit Gott, Hoffnung und vor allem _Leben_ zusammen. So gesehen kann man sich für das Leben entscheiden oder für den Tod!

    Wenn ich nun sage, man lebt nur einmal, hat das also nichts mit deiner Unterstellung der Vordergründigkeit und Triebbefriedigung zu tun! Sondern mit der einfach und christlich geprägten Entscheidung für die Liebe! Basta.

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  4. Der christliche begriff der (nächsten-) liebe hat ja leidlich wenig mit sexuellem verlangen zu tun, und das gegeneinander auszuspielen ist etwas unfair. Ebenso fraglich ist es, das ganze in schwarz und weiß, bzw. tod und leben zu dividieren. Das verlangen nach einem höheren sinn oder einen höheren ordnung, und sich dem streben danach hinzugeben, ist trotzdem wohl ebenso menschlich. Das klingt arrogant, aber die überschrift ('kontingenz') ist auch nicht zufällig gewählt. Alles in richtig oder falsch zu teilen und eine absolute wahrheit zu vermuten führt letztlich in die sackgasse.

    "Soll mein Auge die Farbe sehen, so muss es ledig sein aller Farbe."

    ..das wußte schon Meister Eckhart, Meister Eder.

    (http://de.wikipedia.org/wiki/Meister_Eckhart)

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  5. Weniger Hirnschmalz, mehr Turnschuh! Nach einem 10km-Lauf sind plötzlich Sachen irrelevant die stundenlanges Grübeln nicht lösen konnte. Solch ein natürlicher Dopaminschub gibt einem dann die Gelassenheit den Rest in Ruhe anzugehen.

    Die Liebe, ja die Liebe - soviel Frust sie auch bringt, wenn wir sie verstehen würden hätte sie ihren Reiz verloren. Nachdem die Emotion das ist womit wir Liebe messen, ist sie auch das einzige Mittel sie zu finden. Verstand, halt die Fresse - du wirst erst zur Steuererklärung wieder gefragt.

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  6. Interessante sendung passend zum thema mit dem titel 'Die Macht der Gefühle': zdf nachtstdudio vom 30. März '08 (video)

    Geht wie immer nicht wirklich in die tiefe, aber beleuchtet die sache aus medizinischer, psychologischer, philosophischer und historischer sicht zumindest im ansatz.

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